Maschinelle Übersetzung ist in vielen Unternehmen längst Teil des Alltags. Was folgt, ist die Frage, wie aus einer maschinellen Rohausgabe ein Text wird, der veröffentlicht, eingereicht oder verkauft werden kann. Diese Nacharbeit heißt Post-Editing, oft abgekürzt als MTPE für Machine Translation Post-Editing. Der Begriff klingt nach einer einzigen Tätigkeit, beschreibt aber sehr unterschiedliche Arbeitstiefen mit sehr unterschiedlichen Ergebnissen. Wer MTPE beauftragt oder anbietet, sollte die Unterschiede kennen, weil sie über Aufwand, Preis und Risiko entscheiden.
Was Post-Editing eigentlich ist
Beim Post-Editing liegt bereits eine maschinelle Übersetzung vor. Eine Fachkraft vergleicht sie mit dem Ausgangstext und korrigiert, was falsch, unvollständig oder unpassend ist. Das unterscheidet MTPE grundlegend vom klassischen Lektorat, bei dem ein von Menschen geschriebener oder übersetzter Text geprüft wird. Der Unterschied ist nicht nur formal: Maschinelle Ausgaben klingen häufig flüssig und selbstsicher, auch wenn sie inhaltlich danebenliegen. Genau diese Oberflächenqualität macht die Prüfung anspruchsvoll, weil das Auge schnell über einen gut formulierten Fehler hinweggleitet.
Post-Editing setzt deshalb voraus, dass beide Sprachen und das Fachgebiet beherrscht werden. Ein reiner Sprachcheck in der Zielsprache reicht nicht aus, weil sich die typischen Fehler ohne Blick in das Original gar nicht bemerken lassen.
Light Post-Editing: verständlich, nicht schön
Beim Light Post-Editing wird nur so weit eingegriffen, dass der Text inhaltlich korrekt und verständlich ist. Korrigiert werden Sinnfehler, Auslassungen, grobe Grammatikfehler und alles, was zu Missverständnissen führen könnte. Nicht korrigiert werden stilistische Schwächen, holprige Satzstellungen oder uneinheitliche Formulierungen, solange sie den Sinn nicht verfälschen.
Das Ergebnis ist ein Gebrauchstext. Er eignet sich für interne Zwecke, für die Sichtung großer Materialmengen oder für Inhalte mit kurzer Lebensdauer. Er eignet sich nicht für Texte, die die Außenwirkung eines Unternehmens tragen. Wer Light Post-Editing beauftragt, sollte das bewusst tun und die Erwartung entsprechend setzen, sonst entsteht Unzufriedenheit auf beiden Seiten.
Full Post-Editing: Anspruch wie bei einer Humanübersetzung
Full Post-Editing zielt auf ein Ergebnis, das sich von einer menschlichen Übersetzung nicht unterscheiden lässt. Neben der inhaltlichen Korrektheit werden Terminologie, Stil, Register, Konsistenz und Lesefluss bearbeitet. Sätze werden umgestellt, Wortwiederholungen aufgelöst, Fachbegriffe vereinheitlicht, kulturelle Bezüge angepasst.
Der Aufwand liegt hier oft näher an einer Neuübersetzung, als viele erwarten. Bei sehr guter Rohqualität und einfachem Ausgangstext spart Full Post-Editing Zeit. Bei schwierigen Texten kann das Redigieren einer fehlerhaften Vorlage aufwendiger sein als das eigene Formulieren, weil erst analysiert werden muss, was die Maschine falsch verstanden hat. Anbieter sollten das offen kalkulieren und nicht pauschal einen Rabatt auf den Übersetzungspreis gewähren. Hinweise dazu finden sich im Beitrag Preise kalkulieren als Übersetzer.
Wofür sich MTPE eignet
MTPE spielt seine Stärken dort aus, wo Textmengen groß, Inhalte repetitiv und Formulierungen standardisiert sind. Dazu gehören typischerweise:
- Produktdatenbanken und Katalogtexte mit gleichförmiger Struktur
- interne Dokumentation, Protokolle und Statusberichte
- Support-Inhalte und Wissensdatenbanken mit hohem Aktualisierungstempo
- Vorabübersetzungen, mit denen entschieden wird, welche Dokumente überhaupt vollständig übersetzt werden müssen
- Textbestände, die bereits durch ein gepflegtes Translation Memory gestützt sind
Auch bei der technischen Übersetzung kann MTPE sinnvoll sein, wenn eine verbindliche Terminologiedatenbank existiert und die Ausgangstexte diszipliniert verfasst sind. Ohne diese Grundlage kippt der Vorteil schnell.
Wofür sich MTPE nicht eignet
Ungeeignet ist Post-Editing überall dort, wo ein Fehler unmittelbar Schaden anrichtet oder wo der Text vor allem wirken soll. Bei der medizinischen Übersetzung können falsche Dosierungen oder verdrehte Verneinungen Menschen gefährden. Bei der juristischen Übersetzung hängen an einzelnen Begriffen Rechtsfolgen, und Rechtssysteme lassen sich nicht wörtlich ineinander übertragen. Werbe- und Markentexte leben von Anspielungen und Rhythmus, die eine Maschine nicht erzeugt und ein Post-Editor nur mühsam nachträglich einbaut.
Auch bei der Website-Lokalisierung ist Vorsicht geboten, sobald es um Startseiten, Kampagnen oder Conversion-Elemente geht. Für tiefe Hilfeseiten kann MTPE dagegen vertretbar sein.
Typische Fehlerklassen maschineller Ausgaben
Wer Post-Editing prüft, sollte gezielt nach den Mustern suchen, die immer wieder auftreten:
Auslassungen und Ergänzungen
Ganze Nebensätze, Aufzählungspunkte oder Einschränkungen verschwinden, ohne dass der Zieltext eine Lücke zeigt. Umgekehrt tauchen Details auf, die im Original nicht stehen. Solche erfundenen Ergänzungen sind besonders tückisch, weil sie plausibel klingen.
Falsche Bezüge
Pronomen und Relativsätze werden dem falschen Bezugswort zugeordnet. In langen, verschachtelten Sätzen kehrt sich dadurch die Aussage um. Auch Verneinungen gehen verloren oder werden verdoppelt.
Terminologiebrüche
Derselbe Fachbegriff erscheint im selben Dokument in drei Varianten. Für Nutzerhandbücher und Verträge ist das ein echtes Qualitätsproblem, weil unterschiedliche Wörter unterschiedliche Sachen zu bezeichnen scheinen.
Zahlen, Einheiten und Namen
Dezimaltrennzeichen, Datumsformate, Maßeinheiten und Eigennamen werden verändert oder scheinbar sinnvoll angepasst. Diese Fehlerklasse verlangt einen eigenen Prüfdurchgang, weil sie sich beim Lesen kaum bemerken lässt.
Register und Anrede
Der Wechsel zwischen förmlicher und persönlicher Anrede geschieht mitten im Text. Höflichkeitsformen und Konventionen der Zielkultur werden ignoriert.
Eine maschinelle Übersetzung klingt oft schon dann überzeugend, wenn sie inhaltlich falsch ist. Post-Editing bedeutet deshalb nicht Nachpolieren, sondern systematisches Misstrauen gegenüber einem flüssigen Text.
Qualitätssicherung im Post-Editing
Verlässliche Ergebnisse entstehen nicht durch einmaliges Durchlesen, sondern durch ein Vorgehen mit festen Schritten. Bewährt hat sich eine Kombination aus:
- vorheriger Festlegung der Stufe, also Light oder Full, samt schriftlicher Erwartung an das Ergebnis
- einem gepflegten Glossar, das vor dem Post-Editing steht und nicht danach entsteht
- einem separaten Abgleich aller Zahlen, Namen, Einheiten und Verweise gegen das Original
- automatisierten Prüfungen auf Tags, Platzhalter, Konsistenz und Vollständigkeit
- Stichproben durch eine zweite Person bei umfangreichen Projekten
- einer Rückmeldeschleife, aus der Terminologie und Ausgangstextregeln verbessert werden
Für Auftraggeber lohnt es sich, im Angebot ausdrücklich zu klären, welche dieser Schritte enthalten sind. Ein Vergleich der Leistungsumfänge ist oft aussagekräftiger als der reine Wortpreis. Anhaltspunkte zur Einordnung von Angeboten bietet die Übersicht zu Kosten von Übersetzungen.
Warum MTPE bei beglaubigten Urkunden ausscheidet
Bei einer beglaubigten Übersetzung geht es nicht nur um Textqualität, sondern um Verantwortung. Eine beeidigte oder ermächtigte Person bestätigt mit Vermerk, Stempel und Unterschrift die Vollständigkeit und Richtigkeit der Übersetzung gegenüber Behörden und Gerichten. Diese Bestätigung ist persönlich und lässt sich nicht an ein System delegieren.
Hinzu kommt die Beschaffenheit von Urkunden: Stempelabdrücke, handschriftliche Vermerke, Randnotizen, Siegel, Registernummern und Beglaubigungsketten müssen erfasst und beschrieben werden. Genau hier versagen maschinelle Systeme regelmäßig, weil sie unleserliche Stellen still übergehen oder ergänzen. Auch der Datenschutz spricht dagegen: Personenstandsurkunden und Zeugnisse enthalten sensible Daten, die nicht ohne Prüfung in externe Dienste gelangen sollten. Vertiefend dazu KI-Übersetzung und Datenschutz sowie die Grenzen von KI bei Behörden und Gerichten.
Was das für die Anbieterwahl bedeutet
MTPE ist ein Werkzeug, kein Sparprogramm für alle Textsorten. Sinnvoll ist eine Einteilung des eigenen Textbestands nach Risiko und Wirkung: Was intern bleibt und kurzlebig ist, verträgt Light Post-Editing. Was nach außen wirkt, verlangt Full Post-Editing oder eine Humanübersetzung. Was rechtlich bindet oder amtlich eingereicht wird, gehört in die Hände einer beeidigten Fachkraft.
Wer eine passende Fachkraft sucht, kann im Verzeichnis nach Fachgebiet und Sprachkombination filtern oder über die Städteübersicht jemanden in erreichbarer Nähe finden. Bei der Bewertung von Profilen hilft ein Blick auf die Angaben zu Fachgebieten, Qualifikationen und Arbeitsweise. Wie diese Angaben gewichtet werden, erläutert die Seite zum transmit-Score. Ein kurzes Vorgespräch über die gewünschte Post-Editing-Stufe verhindert die meisten Enttäuschungen, bevor sie entstehen.